Der Echt Jetzt?! - Blog

Texte zum Nachdenken, Ärgern und Inspirieren. Das kommt ganz auf Sie an!

Wir haben eine eigene Blogseite erstellt, damit die Artikel, die sich langsam häufen, besser aufgerufen werden können.

Übersicht, was Sie auf dieser Seite finden.
Weitere Artikel finden Sie hier

Kirche wird wieder relevant, wenn sie ein neues Menschenbild entwickeln würde

März 2020
Es gibt offensichtliche Punkte, an denen man festmachen kann, warum Kirche für die meisten Menschen heute keine große Rolle spielt. Das verlorene Vertrauen in die Institution durch Skandale spielt hier etwa eine große Rolle. Aber es gibt auch solche Faktoren, die auf den ersten Blick nicht auffallen und die dennoch eine große Bedeutung haben. Wenn man daran gehen möchte, den christlichen Glauben für moderne Menschen wieder attraktiver zu machen, müsste man sich um diese tieferliegenden Punkte kümmern.
Einer dieser Punkte ist das christliche Menschenbild. Meiner Meinung nach gehört das gründlich revidiert und modernisiert.
Wobei es dieses eine christliche Menschenbild so nicht gibt. Jeder Mensch hat so seine eigene Vorstellung, wie der Mensch tickt. So hat auch jede Predigerin und jeder Predigt eine eigene Herangehensweise an das Thema. Diese eigene Herangehensweise ist damit durchaus spannungsvoll zu den überlieferten dogmatischen Einsichten. Denn diese konzentrieren sich ganz und gar auf die Sündhaftigkeit des Menschen. Die theologischen Grundfesten und Glaubensüberzeugungen nehmen hier ihren Ausgangspunkt. Es geht vielleicht noch um das Thema der Ebenbildlichkeit des Menschen, die evangelisch gedacht, ganz, und katholisch gedacht, zum größten Teil verloren gegangen ist. Eben durch die Sünde. Das was die Kirche beim Menschen also zunächst und in aller epischen Breite thematisiert ist die Sünde. Das zeigt sich auch in den Liturgien der beiden Volkskirchen. Das Sündenbekenntnis oder die Eucharistie ist notwendiger Bestandteil eines jeden „richtigen“ Gottesdienstes.
Die Spannungen für Theologinnen und Theologen kommt also aus dieser dogmatischen Positionierung, die aber heute mit dem Leben wenig zu tun hat und die moderne Menschen, völlig zu Recht, abschreckt. Die Kirche ist so auf die Sünde fixiert, dass sie vergisst den Menschen als solches zu würdigen. Dass die Erbsündenlehre dabei eine große Rolle spielt, die man mal endlich abschaffen sollte (nicht weil ihr Anliegen falsch wäre, sondern weil die Lehre an der Bibel völlig vorbei geht), sei hier nur am Rande erwähnt.
Die Gottesdienste oder auch Glaubensgrundkurse wie der Alphakurs zeigen ein Menschenbild, das so einseitig ist, dass es Menschen abschreckt. Dass die meisten Menschen, die auf Kanzeln stehen, wesentlich differenzierter predigen und sich nicht durch diese dogmatische Verengung verleiten lassen, führt zu der angedeuteten Spannung. Die Dogmatik wurde von der Realität längst überholt. Der Mensch ist nicht völlig verderbt und nicht alles, was er ohne Gott macht, ist Sünde. Das ist gute dogmatische Position, aber führt zu einem derart verkürzten und undifferenzierten Menschenbild, das vielleicht noch geeignet ist, um Scheinheiligkeit zu erzeugen, aber nicht Menschen im 21. Jahrhundert anzusprechen und Glauben wieder attraktiv zu machen.
Wenn Kirche wieder relevant werden will, braucht sie endlich ein differenziertes Menschenbild. Eines, das auch dogmatisch verankert sein müsste.
Die Kirche hätte hier einen mehr als einen stabilen Anknüpfungspunkt, um Menschen zu erreichen. Denn in der Gesellschaft gibt es zwar die verschiedensten Menschenbilder. Aber auch da sind die meisten eine Verkürzung des Menschen. Das was Kirche falsch gemacht hat, indem sie den Menschen reduzierte auf seine schlechten Seiten, macht man heute immer wieder, wenn auch mit anderen Vorzeichen. Die heute kursierenden Menschenbilder sind unzulässige Reduzierungen und Vereinfachungen. Damit wird man dem Menschen auch nicht gerecht und Kirche hätte hier sogar etwas zu sagen, wenn sie ihren eigenen Fehler erkennen und beheben würde.
Das christliche Menschenbild, sofern man davon reden will und darf, bietet eine Sicht auf das Leben, die so weltfremd und in gewisser Weise menschenmissachtend ist, dass es einer Korrektur bedarf. Denn diese Sicht ist nicht nur nicht attraktiv, sondern auch eine Reduzierung der biblischen Weite und Differenziertheit, wenn sie den Menschen thematisiert. Die Würde des Menschen, seine Hingabe, seine Leidenschaft, seine Kreativität, sein Scheitern – all das müsste in einem christlichen Menschenbild beschrieben werden können. Dann würden Menschen auch wieder Vertrauen gewinnen.

Wie man in einer apatheistischen Gesellschaft Glauben begründen könnte

März 2020:
Früher war die Welt etwas einfacher gestrickt und damit etwas übersichtlicher. Die Kirche sah sich immer wieder neuen Fronten gegenüber. Das waren etwa die Philosophen, die den Gottesgedanken unterwanderten, das waren die Naturwissenschaftler, die ihr Recht auf Eigenständigkeit durchsetzten und so das kirchliche Weltbild tüchtig durcheinander wirbelten, das waren die Psychologen, die der Kirche das Letzte nahmen, was sie hatte: den Menschen selber. Aber bei all diesen Kämpfen, die in den letzten Jahrhunderten ausgetragen wurden und die für Kirche schnell zu Rückzugsgefechten wurden, hatte man wenigstens klar umrissene Feindbilder. Wobei Feind vielleicht der falsche Begriff ist. Es gab auf jeden Fall zu jeder Zeit ein deutliches und klares Gegenüber für die Kirche. Gegen dieses konnte man wettern, argumentieren, apologetisieren, sich verschanzen. Je nachdem, wie die gesellschaftliche Großwetterlage gerade war. Das waren noch Zeiten, wo man es mit echten Atheisten zu tun hatte! Da waren Auseinandersetzungen wenigsten noch möglich!

Heute ist die diese aber nochmal ganz anders. Denn der normale Mensch entzieht sich immer mehr der Kirche und ihren Missionsversuchen. Viele Menschen, vor allem die jüngeren, sehen in den Kirchen keinerlei gegenüber, nicht mal ein echtes Feindbild. Kirche ist den meisten Menschen schichtweg egal. Aus den Atheisten wurden Apatheisten. Das sind solche, denen die Kirche, der Glaube, einfach nur egal ist. Sie denken nicht über Kirche nach und sammeln keine Argumente gegen Dogmen und christliche Vorstellungen. Sie leben ihr Leben. Und in diesem Leben taucht Kirche überhaupt nicht auf. Nicht, weil man Kirche bewusst hinausgedrängt hätte. Nein, weil man sie schlichtweg übersieht. Warum sollte man sich mit etwas beschäftigen, was keinen Mehrwert bietet, was zum Leben nichts zu sagen hat, was sich selber irgendwie überholt hat? Aber diese Fragen sind schon zu differenziert für Apatheisten. Ein echter Apatheist stellt in Bezug auf Kirche keine Fragen. Weil er keine hat.

Das stellt alle Kirchen vor eine große Herausforderung. Denn die meisten Ansätze in den Kirchen, um Glaube zu erklären, gingen von der These aus, dass Gott, die anthropologische Grundbedingung schlechthin ist. Gott ist eine Denknotwendigkeit. Das kann man auf dem 2. Vatikanischen Konzil so definiert, das hat man theologisch auch in der evangelischen Welt so gelebt und bis hinein in moderne Glaubensgrundkurse, wie dem Alpha-Kurs etwa, ist das der gedankliche Ausgangspunkt.
In Zeiten von klar umrissenen Feindbildern oder Diskussionspartnern mag das sinnvoll erscheinen. Aber diese Zeiten gehören der Vergangenheit an. Wir leben in den Zeiten der Interessenlosigkeit und Egalität gegenüber Kirche und ihren Aussagen.

Das scheint heute eine Art Naturgesetz zu sein, dass Menschen heute mit so vielen Dingen beschäftigt sind, dass die Kirche damit automatisch aus dem Blick verschwindet. Es ist eben völlig unspannend, wie die der Kampf um die Meisterschale in der Bundesliga gerade verläuft, wenn man sich für Fußball nicht interessiert. Das Thema kann so gewichtig in der Werbung, in den Medien oder bei Freunden auftauchen, wie es will, es bleibt völlig irrelevant.

Wen Kirche Relevanz herstellen will, muss man vielleicht endlich mal in einen Schritt gehen, der etwas unerhört ist: Man sollte sich vom Gedanken, dass Gott die schlechthinnige menschliche Grundbedingung ist, verabschieden. Das fällt schwer, weil wir meinen, damit Gott klein zu machen als Gott, als Schöpfer… Dabei hatte Gott nie ein Problem damit, sich klein zu machen.
Durch den dadurch gewonnen Standunkt, könnte man Glauben ganz neu entfalten. Aber nicht mit einer, für Apatheisten gefühlten und wahrgenommenen, aufgesetzten Dringlich-und Notwendigkeit. Sondern mit einem Überraschungsmoment. Der Ausgangspunkt für die Begründung des Glaubens wird nämlich ein neuer: Das Lebens selber. Gott verschwindet. Zunächst. Er ist nicht der Startpunkt der Glaubensbegründung, sondern der Zielpunkt.

Ich verweise ausdrücklich auf folgenden Artikel: Die Relevanz des Glaubens neu lernen von Jan Loffeld, wobei seine Schussfolgerungen hier nicht geteilt werden. Aber als Einstieg in das Thema gut geeignet.
https://www.domradio.de/sites/default/files/pdf/art._relevanz_des_glaubens_neu_lernen.pdf

Ein weitestgehend ähnlicher Artikel von Loffeld ist hier zu finden: https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/zpth/article/view/2294

Eine Studie hat geholfen, um die apatheistische Gesellschaft zu erkennen:
D.Pollack/G. Rosta, Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich, Frankfurt 2015; J. Stolz/J. Könemann u.a. (Hg.), Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft. Vier Gestalten des Unglaubens, Zürich 2014.

Mehr desselben ist eine dumme Strategie

März 2020
Es gibt ein menschliches Phänomen. Es geht um den Punkt, wenn Menschen in Sackgassen oder Krisen geraten. Dann gehen wir in einer bestimmten Art und Weise heran, um das Problem zu lösen, aus der Sackgasse herauszukommen oder die Krise zu beenden.
Menschen haben zwar eine bestimmte Vielfalt an Handlungsmöglichkeiten, aber wir nutzen davon sehr wenige. Wir reduzieren uns selbst auf meistens eine Möglichkeit, um zu reagieren und zu handeln.
Nun kommt es zu dem Phänomen: Wenn durch den eingeschlagenen Weg, die Krise zu beenden, sich die Situation aber nicht ändert, ändern die meisten Menschen nicht ihre Strategie. Nein. Sie machen genau das gleiche weiter. Immer wieder. Aber mit einer größeren Intensität. Das Motto: Mehr desselben muss doch endlich den Durchbruch bringen.

Beispiel: Wenn Reden in Krisen nichts bringt, dann fangen wir an zu schreien. Wenn meine Erziehungsmethode nicht klappt, ändere ich die nicht, sondern werde nur energischer. Wenn mein Gegenüber auf meine Wünsche nicht eingeht, dann werden aus aggressiven Andeutungen offensichtliche Drohungen. Usw.

In der Krisen-Beratung ist einer der wichtigsten Punkte der, dass man das bisherige Muster erkennt und beseite lässt, einfach mal etwas anderes ausprobiert. Das erfordert ein wenig Mut, manchmal ein etwas anderes Verständnis. Aber es bringt immer etwas in Bewegung. Aus Sackgassen werden so neue Wege.

Manchmal habe ich den Eindruck, dass Kirche es genauso macht, wie krisenbehaftete Menschen oder Gruppen. Anstatt ihre Strategie zu ändern und mit ein wenig Mut und Kreativität, mal neue Wege zu gehen, beharrt man auf dem Alten. Und das nach dem Motto: Mehr desselben. Man steckt noch mehr Energie in die alten Wege, in die alten Überzeugungen. So kommt es dazu, dass man heute mehr Begeisterung für Jesus fordert, mehr Einsatz und mehr Leidenschaft. Das ist nichts Schlechtes! Wirklich nicht. Es hilft nur nichts. Im Gegenteil. Irgendwann wird es zur Überforderungskommunikation, die Menschen aussteigen lässt. Das ist das Problem der Jugendkirche oder sich jugendlich gebenden Kirchen oder Predigerinnen. Irgendwann hilft es nicht mehr weiter, dass alles „mega“ und alles „super“ ist und wenn Menschen hören, dass sie die besten Kirchgänger der Welt sind, wird es bald zur nichtsaussagenden Floskel.
Mehr vom Alten, hilft nicht weiter. Wir brauchen eine Start up – Mentalität, die aber nicht nur äußere Formen neu bedenkt, sondern auch die theologischen Grundlagen neu denkt.
Wir müssen neue Wege gehen. Aber Kirche hat sich meistens darauf verlegt, einander zu kopieren und eins drauf zu setzen. Mehr desselben eben.
Wir sollten neue Wege gehen, die damit beginnen, dass man die alten Wege eben nicht gehen will. Das hört sich einfach an, aber wie gesagt, es gibt dieses menschliche Phänomen, dass wir Menschen uns in Krisenzeiten auf eine Handlungsmöglichkeit reduzieren und mit dem Kopf durch die Wand wollen. Das geht schief. Und wir als Kirchen leben jeden Tag den Beweis, dass wir Menschen uns manchmal zu sehr einschränken, anstatt mal was Neues auszuprobieren. In aller Freiheit.
Wir leben als Kirchen in Krisenzeiten. Zeit, die Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Gott ist Liebe! … ist das alles? 

März 2020  
Die moderne Kirche, vor allem protestantischer Prägung in allen Varianten, predigt heutzutage (fast) nur noch, dass Gott Liebe ist.
Das ist sehr beeindruckend, weil man allerorten das Gefühl hat, dass man die falschen Gottesbilder endlich hinter sich gelassen habe und den wahren Kern der Bibel herausgeschält hätte: Gott ist Liebe. Das ist der Gipfel der Theologie, das ist die Tiefe der Bibel und das ist das, was man heute noch über Gott sagen kann. Und darf.
Gott ist die Liebe schlechthin. Das ist der theologische Grundstandard und darin fühlt man sich nun zu Hause. Alles wird nun durch diese Brille neu gesehen. So wird die Bibel zu einem einzigartigen Liebesbrief Gottes. Die Lieder in den Gottesdiensten werden immer emotionaler und liebesbetonter.
Es könnte so schön sein. Wenn es nicht eine unzulässige Reduzierung wäre. Ich bin nicht sicher, ob diese Entwicklung aufgrund intensiver theologischer Arbeit stattfindet, oder nur, weil man genau diese verweigert mit seinen üblichen Brillen einfach die Bibel liest.
Wie auch immer. Das Ergebnis ist eine einzige Katastrophe. Denn das Leben ist mehr als Liebe. Das Leben ist voller Widersprüche, voller Brüche und voller großer und kleiner Katastrophen. Das Leben ist merkwürdig und spannungsvoll, ist, um es auf den Punkt zu bringen, eine Menge mehr als Liebe.
Man muss die folgende Beobachtung nicht teilen. Aber vielleicht regt sie an, seinen theologischen Blickwinkel mal wieder zu erweitern
Die Liebe ist nicht immer der Ausgangspunkt, um Gott zu verstehen. Das ist in der Bibel meistens der Begriff Gerechtigkeit. Dieser Begriff, der aufgrund der lutherischen Reduzierung, heute immer mehr wegbricht, ist als Ausgangspunkt, um Gott zu verstehen, besser geeignet. Denn das Grundproblem der Menschen zu allen Zeiten ist die Gerechtigkeit. Was gerecht ist, wie gerechtes Leben aussieht – das sind die Urfragen der Menschen, die immer gestellt werden. Offen und verdeckt. In jedem Wahlkampf, in jeder Auseinandersetzung zwischen Kindern. Gott als die Liebe ist die Antwort auf dieses Problem und diese Urfragen.
Der Begriff der Gerechtigkeit ist besser geeignet, um die Tür zu einer lebensnahen Theologie aufzustoßen, als die Reduzierung auf die Liebe. Dazu wäre aber eine gewisse theologische Arbeit notwendig, die sich den biblischen Texten stellt und das Leben im Blick behält. Die eben die allgemeinen Sprachblasen, die auf Kanzeln und Bühnen erzeugt werden, überwinden würde Das Ziel wäre es, die Tiefe der Bibel zurückzugewinnen in all ihren Facetten. Denn genau das passiert bei dem Einschießen auf den Gott der Liebe als Ursprung und Ziel: Wir reduzieren das Leben und damit Gott auf unzulässige Weise und schießen uns selber als Kirchen ins Abseits, weil wir nichts mehr Relevantes zum Leben zu sagen zu haben.
Wer heute relevant predigen will, müsste sich vielleicht doch mal wieder der Bandbreite der biblischen Begriffe zuwenden und ernsthaft nachdenken, ob meine Reduzierungen aufgrund theologisch gewichtiger Entscheidungen vorgenommen werden, oder aufgrund von der Verweigerung der theologischen Arbeit. Vielleicht verwechseln wir in unseren Predigten auch einfach nur den biblischen Gott der Liebe mit unseren romantischen Vorstellungen von Liebe und projizieren diese auf Gott? Es fühlt sich ein wenig so an. 

Schafft die Predigt ab! …oder doch nicht? 

März 2020: Es gibt viele Ideen, um die Kirchen weiterzuentwickeln, also wieder relevant zu machen. Manche dieser Ideen klingen radikal. Es gibt z.B. die, die Predigt abzuschaffen.

Wie etwa Hanna Jacobs in der Zeit:
https://www.zeit.de/2018/44/religioese-reden-predigt-abschaffung-sermon-kanzel?page=4#comments

Sie predigt selber wohl gerne, weil sie selber sich mit den biblischen Texten auseinandersetzen kann und das gibt ihr selber am meisten. Aber die Zeit der Predigt als mündlichen Vortrag sollte man ihrer Meinung nach besser schnell abschaffen, um noch zu retten, was zu retten ist.

Die Überlegung hat etwas. Zumindest, um sich klar zu werden, was man denn eigentlich mit solch Selbstverständlichkeiten noch anfangen kann, wie sie die Predigt nun mal ist. Braucht man die Predigt oder müsste man als Kirche nicht weniger monologisierend auftreten?
Ich möchte mal einen neuen Blick eröffnen. Wir leben als Menschen immer in einer Welt der Botschaften. Das war zu allen Zeiten so. Menschen werden durch Botschaften geführt, geprägt und inspiriert. Sie werden durch Botschaften auch verführt und entmutigt. Das ist auch Fakt.
Wir leben heute im Unterschied zu früheren Zeiten aber in einer Welt einer unübersichtlichen Vielfalt an Botschaften. Botschaften, die wir kaum erfassen und richtig einordnen können. Denn Botschaften werden nicht durch ihre Sachlichkeit und damit sachlichen Relevanz relevant, sondern durch funktionierendes Marketing.
Menschen hören zu. Nach wie vor. Sie wollen Botschaften, lieben Geschichten, wollen ermutigt und angeleitet werden. Sie suchen Orientierung. Hier sollte Kirche ansetzen, um ihr Selbstverständnis neu zu entwickeln. Es geht um das Bedürfnis des modernen Menschen. Wer das endlich ernst nimmt, kann auch heute noch Menschen erreichen. Auch mit einer Predigt.
Anders herum gefragt: Warum sollte Kirche darauf verzichten, hier eine Rolle zu spielen? Warum sollte man sich nicht diesen Kampf um das Gehörtwerden stellen? Warum sollte Kirche nicht ihre Botschaft an den Mann und die Frau bringen wollen?
Es gibt keine Begründung dafür, darauf zu verzichten, dass Kirche eine Botschaft hat. Aber sie müsste sich dem aktuellen „Kampf“ auch stellen, und beim Menschen anfangen. Also zu verstehen, wie er tickt, wie er denkt. Dann kann man tatsächlich auch heute noch mit Selbstbewusstsein auf die Kanzel, oder Bühne treten, um etwas zu sagen.
Die Predigt abschaffen? Nein. Denn die Predigt ist das beste Positionierungsmerkmal, das die Kirche noch hat. Facebook oder ein Instagramaccount zu pflegen, ist immer nur Beiwerk. Notwendiges Beiwerk. Aber nicht das Eigentliche. Es braucht auch andere Formen, die man erfinden und entwickeln sollte. Aber im Kern wird die Predigt als beste Form der Botschaftsweitergabe Kirche auch weiterhin ausmachen. Man müsste nur die Inhalte relevanter machen!

Das Buch von Erik Flügge: "Die Kirche verreckt an ihrer Sprache" – richtig gut! Aber: Etwas zu kurz gedacht 

März 2020:   Das Buch von Erik Flügge ist wirklich gut, richtig gut! Aber es ist eben auch etwas zu kurz gedacht, was aber nicht schlimm ist. Ist ja nicht sein Job, der Kirche zu sagen, wie es laufen könnte.

Es begann mit einem Blogartikel, ergoss sich in ein Buch und fand ein mehr als erstaunliches Echo in der säkularen und vor allem kirchlichen Landschaft. Erik Flügge machte das Dilemma der Kirche an der Sprache fest. Sprache, die manchmal sehr theologisch, aber vor allem veraltet daherkommt, mit Begriffen hantiert, die Anachronismen darstellen.
Flügge hat am Ende ja Recht. Wobei er nicht weit genug geht und damit seine Kritik nicht zielführend ist.
Er hat Recht, wenn er die Sprachlosigkeit der Predigerinnen und Prediger anspricht. Die zwar manchmal viel sagen, aber dabei nicht so viel sagen. Eben weil das, was sie sagen nicht für den Hörer oder die Zuhörerin relevant wäre. Sprache ist zu oft abgehoben, oder verwaltet alte Denkmuster, die heute nicht mehr greifen. Man versucht über das Gefühl der Betroffenheit eine Wirkung zu erzielen, wobei meistens ja nicht klar ist, was das eigentlich soll. Hier ist Flügge zuzustimmen. Predigt ist eben keine Poesie, wobei Poesie ihr oft genug auch gut tut.
Flügge spricht von der geprägten Sprache. Es gibt in einer Welt der „Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität“ wenig Chancen für eine Sprache, die eine Binnenlogik der Kirche entfaltet, die keiner mehr versteht.
Was Flügge übersieht, oder zumindest nicht genügend entwickelt, ist, dass die Kirche an ihrer Sprache verreckt, wie er es nennt, weil sie diese geprägte Sprache, die nur intern zu verstehen ist, verwendet, nur typisch ist für unser Welt der „Samplings, der zerfetzten Identitäten, der Multiperspektivität.“
Denn der Politik geht es nicht anders. Auch sie verreckt an ihrer Sprache, die für viele immer weniger Anschlussfähig ist. Sicheres Zeichen dafür ist das Schrumpfen der Volksparteien.
Auch im Sport und der Wirtschaft gibt es geprägte Sprache. Und wenn man genau hinschaut, leben wir alle in Sprachblasen, die für Überzeugungszusammenhänge und Plausibilitätsstrukturen stehen, die denjenigen überzeugen, der in dieser Blase sich wohl fühlt. Aber für einen Außenstehenden ist das unverständlich und er schaltet ab. Wie beim Sport. Was Fußballer und Kommentatoren nach einen Fußballspiel von sich geben, ist geprägte Sprache, die für die meisten Menschen unerträglich ist wegen fehlender Relevanz. Es wird ja auch nichts ausgesagt, außer Floskeln.
Wir leben als moderne Menschen in Blasen. Blasen, die ihre eigene Sprachlogik hervorbringen. Auch Medienberater und Marketingleute haben ihre eigene, abgeschottete Welt, die für Außenstehende wenig aussagt. Auch da feiert man sich dann und wann selber und ergießt die Feierlichkeiten in Formen von Gottesdiensten der Selbstvergewisserung.
Menschen leben in Blasen und damit verbunden in Sprachblasen. Und man muss noch einen Schritt weitergehen. Denn es ist eben nicht nur ein Sprachproblem. Das hat Flügge wenig thematisiert, auch wenn er es erkannt hat. Denn das, was sich ändern muss, wenn Kirche relevant werden will, ist ja nicht das Verzichten auf das Wort „Ganzheitlichkeit“, sondern dass man neue Begründungszusammenhänge für den Glauben findet, die heute blasenübergreifend Anschluss finden können.
Es geht im eigentlichen Sinne um eine theologische Arbeit, die zu leisten wäre. Um das Aufbrechen der alten Denkstrukturen. Da zielt Kirche aber zu oft daneben. Weil sie auf Biegen und Brechen das Alte bewahren will. Wobei das Alte nicht das biblische Alte ist. Die Bibel lesen wir immer nur durch geschichtlich bedingte Brillen.
Theologie muss wieder mutig sein, das Alte neu zu entdecken und aus der eigenen Sprachecke herauszutreten. Es geht nicht nur um eine „oberflächliche“ Übersetzungsarbeit, die schon viel bringt, sondern um eine tiefgehende Veränderung des Denkens der Gläubigen. 

Hat Kirche noch eine Chance?

Februar 2020:  Diese Frage ist für viele Christen völlig unzumutbar. Denn Kirche kann ja nicht untergehen. Ist sie doch schließlich eine von Gott selber gewollte Einrichtung. Aber vielleicht ist diese Frage wichtig, um sich neue Perspektiven zu erschließen, um Kirche wieder relevant zu machen.

Das größte Hindernis, um Kirche für moderne Menschen attraktiv zu machen, eben relevant zu machen, damit sie mal in einen Gottesdienst kommen, ist die Einstellung der Kirche selber. Dabei ist die gar nicht verwunderlich oder etwas besonderes. Jedes schlecht geführte Unternehmen, das sich nicht auf Veränderungen in der Gesellschaft einstellen kann und darum der sicheren Insolvenz entgegenstrebt, macht es genauso: Veränderungen kann man ignorieren.
Wir leben in einer sich unglaublich schnell verändernden Gesellschaft. Unternehmen denken ständig darüber nach, sich zu verändern, neue Produkte zu entwickeln und zu verkaufen, Prozesse zu verändern, Menschen immer wieder neu anzusprechen. Alle verändern sich rasend schnell. Außer die Kirchen in unserem Land. 
Was die Veränderungen bei uns ausmachen, ist zunächst nicht wirklich greifbar, sondern man muss genau hinschauen: Man braucht Soziologen, Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen, Politikwissenschaftler und eine Menge andere Professionen, um dem auf die Spur zu kommen.
Die Veränderung ist eine zunehmende Differenzierung in der Gesellschaft, sind das Auftauchen neuer Themen, die übergreifend als relevant erlebt werden, sind vor allem sich veränderndernde Denkmuster. Wir ticken heute anders als vor 20 Jahren und gar vor 100 Jahren. Aber Kirchen feiern im wesentlichen Gottesdienste nach alten Modellen, die in den 80-er modern waren, oder deren Grundstruktur, also die Liturgie man in der grauen Vorzeit erfunden hat. Auch eine moderne Musik ändert nichts an dem Zustand der Veralterung.
Wenn Kirche relevant werden will, muss sie es schaffen, sich neu der Gesellschaft zu stellen mit all den Veränderungen, muss die Leidenschaft haben, den Menschen etwas geben zu wollen. Aber die Leute nehmen nur das, was ihnen wichtig erscheint, nicht was von einem Pfarrer als wichtig dargestellt wird und sich letztlich als lebensfremd herausstellt.
Kirche muss gleichzeitig mit einer neuen Leidenschaft die Bibel anpacken und neu auspacken, eben neu verstehen. Stattdessen hält man sich meistens mit der Verteidigung alter Lehren auf, die mal ihre Berechtigung hatten, aber heute keinen großen Wert mehr haben, als Kirchen und Christen abzuhalten, ihren Glauben so zu leben, dass er andere mitnehmen kann. Den Glauben modern leben, Kirche und Gemeinden wieder relevant werden zu lassen, ist nich schwer. Man braucht nur den Mut, sich selber zu hinterfragen und die eigenen liebgewordenen Denkmuster nicht als gottgewollt zu verstehen, sondern als geschichtliches Phänomen, deren Zeit vielleicht vorbei ist. Kirchen meinen zu oft, der Geschichtlichkeit entgehen zu können, indem sie ewige Wahrheiten verkünden. Vielleicht hat man da grundsätzlich etwas falsch verstanden! Denn genau das hindert uns daran, Kirchen wieder Relevanz und Bedeutung zu verleihen. Und irgendwie steht in der Bibel das ja auch ganz anders...

Kirche wird wieder relevant, wenn sie Angst und ihre Selbstgewissheit überwindet

Februar 2020:     Wenn sie das Alte neu entdeckt, eine neue Sprache findet, aber vor allem neue Begründungen für ihre Glaubenspositionen. Dazu wollen wir Sie einladen!

Es gibt viele Ideen, wie man Kirchen wieder neu für moderne Menschen relevant machen kann. Dieser Weg ist aber nicht einfach aus unserer Sicht, weil es viel zu viele Denkblockaden gibt. Unsere Denkblockaden sind vor allem zwei "Dinge":
- Ängste
- Übersteigerte Selbstgewissheit

Ängste
Kirchen haben jahrhundertelang gegen das Neue, gegen die Leidenschaft und Kreativität, gegen das Ausprobieren gepredigt. Es wurde nicht immer gleich mit der Hölle gedroht. Aber ein wenig schon. Angeblich gibt es nur den einen seligmachenden Weg. Es wurde zu viel Angst in den Glauben gesteckt.
So haben viele Menschen im Glauben Ängste entwickelt. Die Angst, es falsch zu machen, den falschen Weg zu gehen, den Anschluss zu verpassen usw.

Übersteigerte Selbstgewissheit
Man muss von dem, was man macht, überzeugt sein. Das ist wichtig, sonst überzeugt man keinen Menschen. Auf der anderen Seite wird man durch das Evangelium selber immer wieder infrage gestellt. Zum Glauben gehört auch die Haltung sich selber zu hinterfragen und hinterfragen zu lassen. Viele Kirchen haben da leider fundamentale Sicherheitsvorkehrungen, um das nicht zuzulassen. Man übertreibt manchmal etwas mit dem "Überzeugtsein".

Wer Kirche heute neu für Menschen attraktiv machen will, muss von den Menschen her denken. Was übrigens nie bedeutet, die Tradition aufzugeben. Es bedeutet nur, den Zement der eigenen Positionen etwas aufzuweichen und so weniger fest zementiert, Menschen von heute zuzuhören und auf sie einzugehen, ohne besserwisserisch daherzu kommen.