Texte und Standpunkte, Herausforderndes und

... Theologisches um das Thema kirchliche Relevanz. Oder: Wir der Anfahrtsweg von EJ?! ist

Inhalt dieser Seite

01.

Fehlende Kirchliche Relevanz

Im Prinzip ist es kein Geheimnis: Kirche ist nicht mehr relevant. 

02.

Das Balken-Auge-Paradoxon

Schief läuft es nur bei den anderen.

03.

Christsein ist wie E-Auto fahren

Die E-Mobilität hat auch keine große Bedetung für die meisten Menschen. Zu Recht.

04.

Wir leben in Blasen

Menschen leben heute in ihren selber zusammengeschusterten Blasen

05.

Theologische Blasenschwäche

Die Kriche hat den Anschlussverloren. Das ist die Schwäche ihrer Blase. Was aber nicht gleich Inkontinenz bedeuten muss.

06.

Oder sind wir alle viel zu gebildet?

Fehlende Relevanz wegen zu viel Bildung?

07.

Der Ausgangspunkt

Wer heute Menschen erreichen will, braucht einen erkenntnistheoretischen Ausgangspunkt

08.

Das Ende der großen Geschichten war kein Ende

Die Moderne ist gekennzeichnet durch das Ende der großen Geschichte. Und dem Beginn der verdeckten Geschichten. Kirche könnte wieder eine Rolle spielen. Als Gegenüber für Menschen. Mit einer Botschaft.

09.

Das defizitäre Menschenhild

Menschenbilder bestimmen unser Denken. Die meisten Menschenbilder sind wild zusammengeschustete Willkürlichkeiten. Zeit, ein eigenes Menschenbild zu entwickeln, das im Leben verankert ist.

10.

Christentum hat / ist eine Botschaft

Diese Botschaft muss bei allen organisatorischen und strategischen Überlegungen im Vordergrund stehen.

11.

Dogmen sind immer zeitbedingte Einsichten mit Hang zur verabsolutierenden Wahrheit

Kirchen lieben ihre Dogmen. Das sind einfach unumstößliche Prinzipien. Aber damit sind sie nur eines der Beispiele, wie Kirche sich selber ein Bein stellt.

01. Fehlende kirchliche Relevanz

Alle sind sich einig: Den aktuellen Kirchen fehlt es an Relevanz. 

Wenn man heute über die Bedeutung der Kirchen nachdenkt, kommt man schnell ins Grübeln. Denn irgendwie ist die Bedeutung der Kirchen in der Gesellschaft so sehr geschrumpft, dass sie fast kaum noch feststellbar ist.
Die Kirchenbesucherzahlen gehen seit Jahrzehnten kontinuierlich gehen zurück, die Austritte überwiegen die Eintritte, es wird gestorben und Neugetaufte füllen die leeren Kirchenbänke nicht auf. Das sind die Fakten

Die Ursache dafür zu suchen, ist nicht so ganz einfach. Geht es uns in Westeuropa vielleicht einfach zu gut? Haben wir zu viel Wissen, als dass wir uns die notwendige Hilfe eines Gottes einreden lassen müssen? Immerhin haben wir keine Angst mehr vor einem Donnergrollen und vermuten dahinter nicht mehr den Kampf zwischen Göttern.
Es gibt eine Menge Faktoren, die zum Relevanzverlust geführt haben. Die Antwort ist nicht ganz einfach.  Der entscheidenste Fakt ist aber wohl der, dass Kirche mit dem, was sie sagt die Leute nicht mehr erreicht. Dabei ist die Echt Jetzt?! -Ausgangsthese, dass wir als Christen es einfach versäumt haben, die Bibel neu zu lesen und in unsere Zeit zu "übersetzen" Die alten theologischen Eckpfeiler müssen nicht abgerissen, nur neu verstanden werden. Es geht um eine theologische Arbeit. Die würde voraussetzen, dass man sich selber in einem Maße reflektieren kann, was offensichtlich aber vielen Christen nicht gelingt. Man erkennt es eher bei den anderen, als bei sich selber, dass man als Chriten und Kirchen nicht mehr relevant ist. Es ist das Balken-Auge-Paradoxon.

Was nützt es an den alten liebgewordenen theologischen Glaubenseinsichten festzuhalten, wenn die keinen mehr interessieren? Man kann schöne Gottesdienste feiern und sich dabei gut fühlen. Aber es ist kaum von Bedetung für die Menschen drum herum.

02. Das Balken-Auge-Paradoxon

Die Erkenntnis der fehlenden Relevanz ist allgemein bekannt. Aber Vorsicht! Das heißt nämlich nicht, dass man dies für die eigene Kirche anerkennt.

Es ist ein Phänomen. Der Bedeutungsverlust der Kirchen ist für jedermann und jederfrau unmittelbar einsichtig. Aber nur so lange man über die anderen spricht. Die anderen Kirchen, die anderen Gläubigen. Es fällt den meisten Christen unglaublich schwer, diese fehlende Relevanz für die eigene Kirchgemeinde festzustellen, anzuerkennen und zuzugeben. Vor allem wenn man in einer Kirche angestellt ist oder Leitungsverantwortung hat.

Es ist das bekannte Balken-Auge-Paradoxon. Man weiß genau was und warum es bei den anderen  mangelt. Man weiß um den Splitter bei der anderen Kirche. Aber man übersieht dabei den Balken im eigenen Auge, also die fehlende Relevanz der eigenen Predigten und des eigenen Gemeindelebens.

Ganz schwierig wird es, wenn man Gemeinden daraufhin anspricht oder ganz vorsichtig Pastorinnen und Pastoren versucht, diesen Gedanken nahezulegen. Dann ist man schnell in einer Art Kampfsituation, aus der man nicht heil herauskommen wird. Denn dann schalten diese Personen in einen energischen Verteidigungsmodus, der eine differenzierte Analyse kaum zulässt. 

Zu diesem Paradoxon auf theologischer Ebene gehört auch, dass man genau weiß, was bei einer anderen Kirche schief läuft. Aber man versteht nicht, warum man selber kaum vorwärts kommt.

03. Christsein ist wie E-Auto fahren

Die Elektro-Mobilität wurde jahrelang als Wunderwaffe gegen den Klimawandel gewertet. Es war erstaunlich: Tesla, das am wenigsten profitabelste Unternehmen war aber zwischendurch mehr Wert als VW, BMW und Mercedes zusammen. Das Dumme war nur: Es war ein unglaublich spannendes Thema, aber es hatte keine große Bedeutung für die meisten Menschen.

Es ist ein etwas anderes Fahrgefühl, wenn man in einem E-Auto sitzt und mal auf das Gaspedal tritt, das eigentlich kein mehr Gaspedal ist. Neulich saß ich in so einem 100.000 € teuren Auto. Die Spiegel gab es nicht mehr, stattdessen gab es Kameras, die alles im Blick hatten. Das Auto war fast voll geladen und wenn man mal auf das Gaspedal, das eigentlich ein Energiepedal ist, trat, machte das eindeutig zu schwere Gefährt fast einen Sprung und man wurde in den angenehm gepolsterten Sitz gedrückt. Alles klasse, alles schick. So wie Auto heute sein muss. Nur wenn man auf die Ladeanzeige schaute bekam die Stirn Runzeln und Furchen. Denn dort wurde eine verbleibende Reichweite von 250 km prognostiziert. Nagut, es waren keine angenehmen 25 Grad draußen, sondern es war deutlich kühler. Aber es war auch kein Winter mit klirrender Kälte. So eine Kälte drückt bei einem E-Auto wohl sehr aufs Gemüt bzw. die Akkus, so dass die man deutlich weniger Kilometer zurücklegen kann, als gehofft.

Ich begann zu rechnen und nachzudenken: Wenn man so viel Geld für ein Auto ausgibt, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit. Dass dieses Auto als Diesel oder Benziner erheblich günstiger wäre, erschwert alle Rechnerei. Denn bei 250 Kilometern Reichweite, ist so ein Auto für viele Menschen nicht besonders relevant. Es ist schlicht und ergreifend nicht alltagstauglich. 

Es ist wie mit dem christlichen Glauben. Der erscheint aus ähnlichen Gründen wenig alltagstauglich. Denn so ein Glaube ist ja nicht verkehrt. Der hat ja etwas. Das gesteht man den Menschen, die öfters in die Kriche gehen, auch gerne zu. Man steht manchmal sogar etwas staunend neben solchen Menschen und schaut zu, wie sie durch das Leben kommen. Aber für einen selber macht der Glaube für die meisten modernen Mencshen darum noch lange keinen Sinn. Man fährt ganz gut so, wie man eben fährt. Durch das Leben.

E-Auto-Fahrer sind begeistert von diesem neuen Fahrgefühl, der Dynamik, wenn man beschleunigt, diesem neuen Feeling. Die Bauer dieser Autos schwärmen und übertreffen sich gegenseitig in Innovationen und vor allem in ihren Reden, in denen man dieses unglaublich neue Fahrgefühl und diese neue Form der Fortbewegung in den höchsten Tönen lobt und emotional überfrachtet schön redet...

In Kirchen ist es so ähnlich. Aber ich befürchte: Wenn man etwas hat, was nicht wirklich relevant ist, muss man es emotional aufladen. Da gibt es dann soetwas wie eine heilige Selbstvergewisserung. Diese wird immer wieder beschworen in den Predigten oder vor allem besungen in modernen Anbetungsliedern oder althergebrachten Liturgien. Um es deutlich zu formulieren: Selbstvergewisserung gehört dazu und moderne oder alte  Musik ist etwas schönes. Aber es wird oft zu stark überfrachtet. Da wird dann schnell der Fachbegriff "geistlich" vorgeschaltet und so entzieht man sich einer sinnhaften Begründung. Es ist eben so.

Ist Glaube aber nun wirklich so wenig alltagstauglich für die meisten Menschen? 

04. Wir leben in Blasen

Früher war nicht alles besser. Denken viele. War es aber bestimmt nicht. Aber es war etwas übersichtlicher. Zumindest, was die normalen Menschen und ihre Denkweisen angeht.

Man spricht heute gerne davon, dass die Moderne anfing, als die großen übergreifenden Geschichten die Menschen nicht mehr auffingen. Als die Kirchen abtraten, verlor die Gesellschaft auch grundlegendes Denken, wie man an das Leben herantreten sollte und wie man es verstehen sollte. Das Ergebnis: Es entstand eine nie gekannte Freiheit im Denken. Man konnte nun Wissenschaft betreiben, ohne, dass man Gefahr lief, auf den Scheiterhaufen hingerichtet zu werden.

Die Gesellschaft zerplitterte aber immer mehr in Gruppen und Untergruppen. Die Menschen waren nun herausgefordert, ihr eigenes Leben aktiv zu gestalten. Vorgefertigte Lebens-Schienen gab es immer weniger, eigene Entscheidungsfähigkeit war immer mehr gefordert. Man suchte, meistens unbewusst, nach Denkmsutern und Begründungszusammenhängen, die tragfähig erscheinen und darum sinnstiftend sein können.

Damit entstanden aber auch Blasen. Blasen betreffen vor allem das Denken und die Kommunikation. Sie sind durch bestimmte Denkweisen und Plausibilitätsstrukturen gekennzeichnet. Es gibt bestimmte Begriffe und Floskeln.
Unsere Gesellschaft kann man in solche Blasen unterteilen und die Menschen leben in diesen unterschiedlichen Blasen zur gleichen Zeit.

Eine Blase ist durch solch spezifischen Begründungszusammenhänge und damit einhergehend eine geprägte Sprache gekennzeichnet. Erik Flügge hat darauf hingewiesen, dass die Kirche an ihrer Sprache verrecken würde. Ein Buch, das zu Recht Aufsehen erreicht hat, aber viel zu kurz gedacht war. Denn nicht nur die Kirche hat eine geprägte Sprache, sondern die Gesellschaft besteht aus solchen Sprachmustern, die typisch sind und Blasen zugeordnet werden können.

Beispiel Sport.  Man kann Fußball mögen oder auch nicht. Wenn man sich so ein Spiel anschaut, dann hat das ja etwas an Spannung und Erwartungen, die erfüllt oder enttäuscht werden. Sport und vor allem Fußball ist eine einzige riesen Blase. Es werden Millionen hin und hergeschoben, es wird verhandelt wie in einem arabischen Sukh und es gibt eine riesige Medienlandschaft mit tausenden Menschen, die damit beschäftigt sind, diese Spiele und diese Verhandlungen, die Einstellgung der Spieler und die Kompetenz der Trainer zu analysieren und zu interpretieren. Das wirklich Beste dabei sind die Interviews, die mit den Fußballern nach dem Spiel geführt werden, unterbrochen von Kommentaren der Kommentatoren. Da sagen Fußballer... absolut nichts, was irgendwie Sinn machen würde. Sie drücken ein paar Emotionen aus und alle Welt diskutiert darüber, als hätte das wirklich eine Bedeutung und wäre wichtig. Dabei ist dieser Teil der Sport-Sendungen kaum erträglich, weil er einfach nur vorgestanzte also geprägte Sprache ist, die keinen Aussagewert enthält. Warum muss man da auch einen großen Aussagewert erwarten. Es ist nur Fußball, der nett ist, aber keine wirkliche lebensrelevante Bedeutung hat. Außer, wir bewegen uns in dieser Fußball-Blase.

Politik ist eine Blase. Es gibt vorgefertigte Denkweisen und dazugehörige Sprachmuter. Das Problem, dass die Politker haben, ist, dass diese alten Muster, bei der Zersplitterung der Gesellschaft, der um sich greifenden Blasenbildung, immer weniger die Masse überzeugen. Manchmal ist es auch unerträglich, wenn Politiker in ihrer Denkwelt so viel Schönes sagen, aber man als Wähler davor steht und sich ernsthaft Gedanken über Sinn und Unsinn macht.

Die Kirche hat auch eine eigene Blase gebildet. Sie hat Denkweisen wie Sünde, Ebenbildlichkeit, Gott, Liebe als höchsten Wert, und viele andere geprägt und eine damit auch eigene Sprachmuster geschaffen. Das zu Recht. Aber sie ist darin so gefangen, weil sie es nicht begreiflich machen kann, was das alles heute bedeutet.

Zu einer Blase gehören auch Veranstaltungen, die die Selbstvergewisserung zum Ziel haben. Man hat große Preisverleihungen zum Fußballer des Jahres auf Welt- und Europaebene und feiert bis der Morgen anricht. Was genau betrachtet ein wenig merkwürdig ist, dass man einzelne Spieler in einem Mannschaftspsort auszeichnet! Das ist in gewisser Weise etwas sinnlos, aber Zeichen einer perfekten Blasenbildung. Man hat Wahlen zum Tor des Monats und wenn ein Spiel zwischen dem ersten und zweiten der Bundesliga ansteht, dann wird es zu einem geradezu historischen Ereignis. Wird es nicht, aber das emotionale Aufblasen gehört zum Geschäft, um sich einerseits selbst zu vergewissen, dass man wichtig ist und zum anderen gewinnt man so neue Anhänger und kann die bestehenden Fans weiter mitnehmen und ihnen Dauerkarten verkaufen oder Sky-Abos.
Auch die Kirche hat solche Veranstaltungen. Die einfachste ist der Sonntag mit dem Gottesdienst. Das ist in den meisten Fällen eine Form der heiligen Selbstvergewisserung. Es gibt Musik, die heute manchmal sogar professionell gestaltet wird und darum sehr überzeugend und selbstvergewissernd ist. Es gibt langweilige oder herausfordernde Predigten, die meistens diese Vergewisserung zum Ziel haben, dass man auf dem richtigen Weg ist.

Um es deutlich zu formulieren. Das alles ist nichts Schlimmes und nichts Verkehrtes. In gewisser Weise ist es sogar notwendig. Wer verstehen will, was Kirche gerade macht, muss nur ehrlich genug hinschauen und das fällt vielen schon schwer. Siehe Balken-Auge-Paradoxon.

Für die meisten frommen Menschen ist es an dieser Stelle wohl Schluss. Sie sind der Meinung, dass das nicht stimmen kann. Denn Gott steht über allen und er ist der Schöpfer und das Evangelium, ist ein ewige Wahrheit, die nicht kaputtbar ist. Ich habe Menschen erlebt, die bei solchen Aussagen eine Art heiligen Zorn entwickelt haben, weil sie meinten, dass damit Gott und die Kirche klein geredet werden würde. Wird er und sie aber nicht. Aber die fehlende Fähigkeit der Kirchen, sich aus ihrer frommen Blase herauszubewegen, wird hier schon festgestellt. Kirche ist eine große Blase mit Denkmustern, die kaum einen modernen Menschen mehr groß interessieren. 

Wir Menschen leben in Blasen. Das ist eine soziologische Gegebenheit. Und genau hier beginnt das Problem der Kirchen.


05. Theologische Blasenschwäche

Kirche hat den Anschluss verloren. Nicht, weil die Menschen die kirchlichen Werte nicht teilen würden. Nein, weil man sich eine eigene Blase, oder viele kleine Kirchenblasen geschaffen hat, die für die Menschen keine Bedeutung haben.  Darum spreche ich von Blasenschwäche.

Bei der hier zu verhandelnden Blasenschwäche geht es nicht um geistige Inkontinenz.
Die theologische oder kirchliche Blasenschwäche besteht darin, dass man in seiner eigenen Welt sich so wohl fühlt und sich so schön eingerichtet hat, dass man damit die meisten nichtchristlichen Menschen ausschließt. Eben weil diese die kirchliche Blasensprache und die gedanklichen Begründungen nicht nachvollziehen können, die die Kirche jeden Sonntag liefert. Die Schwäche der Kirche liegt darin, dass ihre Botschaft keinen Menschen interessiert, weil diese Botschaft keinerlei Relevanz besitzt. Weil man, um es auf den Punkt zu bringen, am Menschen vorbei redet. Man ist von sich und seinen Grundannahmen so überzeugt und feiert diese in Akten der Selbstvergewisserung, dass man nicht realisiert, dass das alles richtig sein mag, aber am modernen Menschen vorbei geht. Und anstatt sich aufzumachen und das eigene Dneken zu überprüfen, macht man genau das Gegenteil: Man zieht sich immer weiter zurück. Auch wenn man ganz modern aufttritt.

Kirche hat sich zurückgezogen in die eigene Welt. Weil ihr dieser Platz in der Geschichte zugewiesen wurde. Das sind historische Entwicklungen, die man bedauern kann, aber das hilft auch nicht weiter. Im Prinzip sind diese Entwicklungen positiv und hier liegt auch der Ansatz zu einer Weiterentwicklung. Aber diese Sicht wird konsequent verschlafen. Weil man ja in sich selber gewiss ist, dass man Recht hat.

Hier möchte ich ein paar Wege skizzieren, mit denen man anschlussfähig sein will und die Schwäche der eigenen Blase überwinden will, sich letztlich aber nur noch weiter ins Abseits schießt. Es geht um starke Rückzugsblasen.

1. Das romantische Gottesbild
In Zeiten wo Zahlen und Fakten immer mehr unser Leben bestimmen, wo 
Algorithmen immer mehr unser Denken beeinflussen, wird die Innenleitung, also das eigene Gefühl und die eigenen inneren Überzeugung im Menschen, zur letzten Wahrheit. Der Mensch ist sich selber das Rückzugsgebiet geworden. Von hier aus steuert er sein Leben. Und nur wenige gut sortierte Einflüsse von außen werden zugelassen. So ist das Leben in einer Blase. Diese Einflüsse stammen aus den Blasen, in denen man sich bewegt oder aber dem Internet, mit dem wir nur bedingt gut umgehen können.
Die Kirchen unterstützen diesen Prozess der Innenleitung immer stärker. Auch durch die Fixierung des Gottesbildes auf die Liebe. Das Gottesbild, das zunehmend verbreitet wird, ist immer mehr ein romantisches. Die Liebe Gottes, die vor allem in der evangelischen Theologie übrigt bleibt, weil man mit Kreuz und Sühne wenig bis nichts mehr anfangen kann, wird zum großen Erwartungspunkt. Und scheinbar gibt es hier ja einen treffenden Anknüpfungspunkt. Denn alle Menschen heute sehnen sich nach Liebe. Gerade in dieser zahlenhaften und kalten Welt.  Alle brauchen die. Dieser Wert ist absolut wichtig. Im Zeitalter der Innerlichkeit wird Liebe aber immer mehr mit einem romantischen Liebesbegriff gleichgesetzt. Die Bibel wird dann verstanden als einen einzigen Liebesbrief Gottes an die Menschen. Das klingt so schön so warm und überzeugend. Obwohl es eine unzulässige Reduzierung darstellt. Aber es fühlt sich gut an. Manche gehen noch weiter und sprechen davon, dass man eine persönliche Beziehung zu Gott braucht, die sogar Intimität bedeutet. Das ist schon abenteuerlich, aber nicht wenige bekommen glänzende Augen, wenn sie solche Bücher lesen. Dass diese Vereinseitigung in der Bibel gar nicht angelegt ist, sondern ein Reflex auf die gesellschaftliche Situation, bleibt ungesehen. So wird Glaube, der dieses Gottesbild verfolgt, zur Überforderung. Ich berfüchte einfach nur, dass die Menschen, die von anderen bezahlt werden, mehrmals am Tag zu beten, diese, früher sagte man mystische, Ereignis, zu erleben, uns keinen Gefallen tun. Aber den meisten anderen wird es verborgen bleiben.  Denn: Wenn man den ganzen Tag arbeiten, Kinder erziehen, die Pflege der älter werdenden Eltern planen muss, bleibt wenig Zeit für das stundenlange Beten und warten auf mystische Erlebnis. Aber solche Menschen, die sich täglich durch den Alltag kämpfen, bezahlen durch ihre Spenden denen das Geld und den Unterhalt der Menschen, die solche Bücher schreiben und Konferenzen abhalten. Das ist etwas unrealistisch, schlichtweg am Leben vorbei und bestimmt nicht von der Bibel her so gedacht. Man ist auf ein menschliches Bedürfnis eingestiegen, dem nach der Romantik im eigenen Leben und überhöht es derart, dass es wenig mit dem Leben zu tun hat. Aber das ist ein Zeichen von vielen, gerade freikrichlichen und mystisch-orientierten Gemeinschaften, dass man eine solche Überforderungskommunikation feiert. Das ist schon sehr modern gedacht, aber zu wenig reflektiert. Man macht das gleiche wie in der Gesellschaft und schießt damit völlig an der Bibel vorbei. Ich kann nicht allen ernstes die alten Mystiker ausgraben, die stundenlang beteten und dann und wann eine mystische Erscheinung hatten und meinen, dass alle Christen das leben müssten. Die meisten müssen arbeiten gehen und haben einen echten Stress und da spielen diese Dinge keine wirkliche Rolle. Aber moderne "Mönche" beklagen sich und sind öffentlich verwundert, dass viele Christen nicht mal anderhalb Stunden beten können. Das ist lebensfremd. Weniger ist manchmal MEHR!

2. Das Beschwören von Tradition
Ein anderer Weg, auf die Umbrüche der Moderne zu reagieren ist, die Tradition zu beschwören und immer wieder neu zu beleben. Das wird vor allem am Festhalten an Liturgien begreiflich. Aber das ist nicht der Kern, worum es geht.
Christen haben eine lange Tradition. Es gibt so viele Punkte, auf die man sich gut zurückbesinnen und damit auch zurückziehen kann. Das ist als solches nicht schlecht oder verwerflich. Es ist nur dann zumindest bedenklich, wenn man auf seiner sicheren Rückzugsinsel vor sich hin lebt oder lobpreist und den Anschluss verliert. 
Was nützt es an Traditionen festzuhalten, die das eigene Ende beflügeln? Wobei man das ja nicht sagen darf. Denn Gott ist ja unkaputtbar. Wohl wahr. Kirche aber zerlegt sich gerade aber selber.
Traditionen sind immer zu einer bestimmten Zeit entstanden. Und jede Zeit fordert dazu heraus, neue Traditonen zu schaffen. Aber Menschen sind darin nicht wirklich gut. Das sieht man an den Parteien, die mal Volksparteien waren und es nicht schaffen, sich zu ver-modernisieren. Das sieht man an den Kirchen, die alte Traditionen hochheben und damit gegeneinander immer noch zu Felde ziehen. Sprechen sie mal mit einem Christen über sein Bibelverständnis! Das wird kein Spaß, wenn er einer bestimmten Tradition folgt und er meint wirklich, er stehe allein auf der Bibel mit seinen Ansichten.


3. Die Taufe von Methoden und Denkweisen aus der Wirtschaft
Unsere Gesellschaft hat keine große übergreifende Geschichte mehr, in der sich Menschen wiederfinden. Aber das ist nur scheinbar so. Es gibt die Wirtschaft, die unser Denken bestimmt und die Grundlage für das Leben geworden ist. Darum sind Managementbücher auch so wichtig geworden und immer mehr Kirchenmenschen lesen diese. Das war früher verpönt und heute ist es Standardt.
Spannend wird es dann, wenn man in Kirchen anfängt, bstimmte Methoden und Denkweisen aus solchen Büchern zu übernehmen. Wobei das Übernehmen ja nicht so einfach ist. Denn zuvor werden diese Methoden "getauft", also in die eigene Denkwelt übertragen, indem man dafür biblische und geistliche Begründungen findet. So werden heute z.B. andauf landab in Kirchen Leitbilder entwickelt oder es wird intensiv über Visionen gesprochenund darüber gepredigt. Es gibt die Visionscelebration und Visionswochen, um Menschen mitzunehmen. Daran ist nichts verkehrtes. Garnicht. Nur wird das in ein paar Jahren weniger eine Rolle spielen. Das ist voraussagbar. Denn in der Wirtschaftswelt spielen diese Dinge keine große Rolle mehr, weil man sich verrannt hatte. Darum ist es vorhersagbar, dass es auch in christlichen Kreisen bald zu Ende sein wird, mit diesen Themen.
Worum es hier geht, ist dass diese Herangensweise der "Taufe" von Wirtschaftsdenken, eine gewisse Offenheit darstellt, Anknüpfungspunkte zu finden, die in der Gesellschaft vorhanden sind. Darin liegt die Stärke. Aber letztlich hat das wenig Wirkung. Denn ob solche Denkweisen und Methoden wirklich weiterhelfen, darf ruhig bezweifelt werden. Die kirchliche Blase wird in solchen Fällen moderner gemacht, aber nicht relevanter. Weil man solche Methoden vielleicht etwas kritischer hinterfragen müsste. Visionen und Leitbilder sind Methoden und zwar keine geistlichen, sondern organisationsthereotisch relevante. Die man nicht übertreiben sollte. Sonst kann es leicht passieren, das aus dem Evangelium eine Art Optimierungsbotschaft wird. 

06. Oder sind wir alle viel zu gebildet?

Es gib den Standpunkt, dass in Europa das Christentum auf dem Rückzug ist, weil es den Menschen (zu) gut gehe und sie zu viel Bildung haben.

Mit einer Menge Bildung geht man etwas differenzierter an das Leben ran, als ohne Wissen und dem Auseinandersetzen mit unterschiedlichen Ideen und Konzepten.
Auf der anderen Seite ist auch ein zu gutes Leben nicht förderlich, die Menschen in die Kirche zu treiben. Denn das Gefühl, das Leben zu meistern und alles im Griff zu haben, also sein eigener Herr sein zu können, ist keine gute Voraussetzung, um Menschen mal in einem Gottesdienst vorbei schauen zu lassen. Denn die Konzepte dort sind traditioneller Weise so angelegt, dass einem die Fähigkeit, das Leben meistern zu können, meistens ausgeredet wird.
Die großen Wachstumszahlen von Kirchen finden in der dritten Welt statt. Dort sind die Menschen auf Konzepte angewiesen, die ein besseres Leben versprechen. Bei uns braucht man in der Regel keinen anderen Menschen mehr, der einem das erklärt, wie man das Leben leben soll.

Sind wir zu gebildet, um uns mit Kirche auseinanderzusetzen? Oder geht es uns zu gut?
Das kann man so sehen, denn an diesem Gedanken ist etwas dran. Aber die Schlussfolgerung, dass man sich darum als Kirche  ergeben müsse, ist wohl falsch. Denn wenn Kirche nicht mehr relevant ist, dann könnte sie ja relevant werden, wenn sie ein grundlegendes Bedürfnis der modernen Menschen aufnimmt und hier Anküpfungspunkte findet. 
Wir leben als Menschen mit einer unglaublich große Wahlfreiheit unter dem Fluch des Wählen Müssens. Es besteht ein Zwang, sich sein eigenes Leben zurechtzulegen. Alte Vorbilder greifen nicht mehr, alte Erklärungsmuster auch nicht. Man ist selber stark und gebildet genug, um das Leben zu meistern. Da braucht man keinen Pfarrer und keinen Priester mehr, die früher die einzigen im Dorf waren, die richtig lesen konnten. Aber man sucht nach Orientierung. Nicht für das ganze Leben, sondern für wesentliche Teilabschnitte.

An der These des Zugutgehens ist nur etwas dran, wenn Kirche nicht fähig ist, sich auf neue gesellschaftliche Umstände einzustellen. Den Menschen weiterhin ihre Unbeholfenheit im Leben meistern einzureden, ist der falsche Weg. Der wird immer wieder gerne gegangen und damit macht man sich konsequent überflüssig. Aber das Leben ehrlich zu reflektieren und das letztliche Nicht-in den-Griff-bekommen zuzugeben, wäre ein Ansatz, um relevant zu werden. Auch als Gegenpunkt zu den ganzen Ratgebern und Wirtschaftsgurus, die das Geheimnis des Erfolgs erforscht haben und vermitteln können. Gegen gute Bezahlung versteht sich.

07. Der Ausgangspunkt

Um es vorweg zu sagen. Der Ausgangspunkt, um Kirche relevant zu machen, ist nicht eine Veremotionalisierung der Kirche durch eingängige Musik oder mehr Poesie, ist nicht das Beschwören von dem, was früher wichtig war.

Menschen leben in ihren Blasen. In verschiedenen zur gleichen Zeit. Diese Blasen sind sehr fordernd, weil sie Aufmerksamkeit auf sich lenken. Das Leben ist heute zersplittert und uneinheitlich. Darum kann man so viele Ratgeber zum Thema Identität verkaufen. Wer bin ich denn wirklich, wenn ich in so einer Vielzahl von Blasen lebe?
Der Ausgangspunkt bei Echt Jetzt?! ist das Bedürfnis, das Leben verstehen zu wollen. Wir alle wollen ein gutes Leben führen. Heute will man sogar glücklich werden und sucht nach Rezepten für das Glück im Beruf, dem Autokauf, der Ehepartnerauswahl und vieles mehr. Es gibt so Leitideen, die sogar durch wissenschaftliche Projekte in den Stand der intellektuellen Unantasbarkeit gehoben werden. Wie das Glück.

Der Ausgangspunkt für Kirchen sollte aber nicht auf diesem Weg gesucht werden. Das wäre wenig glücklich. Überhaupt sollte die Innerlichkeit, die heute über allen steht und über die mehr Unklarheit ins Leben kommt als gute Struktur, als Anfahrtsweg ausgeschlossen werden.
Damit fallen eine Menge christlicher Lieblingsvokabeln als Startpunkt weg, die heute auf Konferenzen und in Büchern eingefordert werden. Wir brauchen nicht mehr von Hingabe,  Begeisterung,  Frömmigkeit,  Christus,  Mystk, oder auch mehr Glück, aber nun die christliche Variante, die tiefer geht... Wir brauchen davon weniger. Wir müssen wieder klar bekommen, dass das Evengelium der Bibel gar nicht an dieser Stelle ansetzt, also dieser Innerlichkeit. Im Grunde bewegen sich zu viele christliche Sterneredner auf dem Niveau eines Fußballtrainers. Da wird von seinen überbezahlten Bundesliegspielern, die ja theoretisch alles wissen, mehr Einsatz und Leidenschaft fordert. Das sind wesentliche Aspekte in einem Fußballspiel. Aber hingegen mancher Werbung ist das Leben kein Spiel und Leidenschaft im Glauben ist ansteckend, aber intellektuell wenig überzeugend. Und die Menschen sind heute gebildet genug, um hier zumindest kritisch heranzugehen. 

Der Ausgangspunkt ist bestimmt nicht die Religiosität. Dass wir als Christen uns auf das Thema Spiritualität zurückziehen, ist ein Fehler. Auch wenn sogar Soziologen das manchmal empfehlen. Aber: Spiritutalität ist irgendwie alles und nichts. Jeder Spaziergang ist ein spirituelles Ereignis. Die meisten Menschen sagen dazu aber nicht Spiritualität, sondern Beitrag zum Work-Life-Balancing.

Der Ausgangspuntk ist das Leben selber. Das Evangelium war immer lebenszugewandt. Und man hat Jesus meines Erachtens gründlich missverstanden, als man ihm unterschob, eine neue Frömmigkeit einführen zu wollen. Jesus ging es nicht um das Installieren der Kirche, das ist der katholische Weg, es ist nicht das neue Menschenbild der Flaschentheorie, dass der Mensch leer und der Geist hieinkommen müsse, da wäre der pfingstlich-charismatische Weg, es ist nicht die innere mystische Beziehung zu Gott, das wäre evangelikal gedacht, es ist auch nicht die Überwindung der vermeintlichen Gesetzlichkeit der Juden durch die Gnade, was evangelisch gedacht wäre.
Nein. Jesus geht es in jeder Predigt um das Leben. Wir sind  so sehr durch unsere theologischen Brillen geprägt, dass wir nicht mehr lesen, was da einfach nur steht. Es ging Jesus nicht um eine Innerlichkeit, nicht um Glück, nicht um Spiritualität. Es ging ihm um das Leben. Insofern hat man die Bergpredigt auch immer etwas verkehrt angepackt, als man hier eine lebensfremde Reichs-Gottes-Grundgesetz verortet sah.

Evangelium versucht das Leben zu deuten. Aber tiefer als ein Gesetz-Evangelium-Gegensatz, der zur Grundfeste der evangelisch-theologischen Ausbildung gehört, aber irgendwie immer mehr lebensfremd erscheinen muss. Tiefer als eine Reduzierung auf Sakramente, die es bei Jesus so gar nicht gab, wie wir sie heute verstehen, weil wir durch die mittelalterliche Brille schauen. Jesus ging es nicht um eine Entwertung des Menschlichen, wie es in Freikirchen gepredigt wird, um das Wahre, nämlich das Geistliche betonen zu können.

Jesus hatte etwas zum Leben zu sagen. Es ging ihn um unsere konkrete Lebensgestaltung und legte da einen so starken Akzent, dass er sogar Reden über das Gericht aufgrund von Werken hielt, die ganze Kapitel füllen. Was wir heute aber ausblenden, weil das nicht mehr mit dem romantischen Gottesbild nicht zusammenpasst.

Glaube ist auf das Leben bezogen und hat hier den Ansatz. Kirche würde gut daran tun, das Leben aus ihrer Warte zu erklären und zwar ganz neu, in Denkstrukturen, die heute relevant sind. Das muss nochmal betont werden. Denn Theologen und Hobbytheologen verabsolutieren meistens eine bestimmte Denkweise, die man einer konkreten vergangenen Zeit zuordnen kann. Nur leider geht das meistens an der Bibel vorbei.

Der Echt Jetzt?! - Ansatz ist: Kirche hat etwas zum Leben zu sagen. Aber ohne Überhöhung von Mystik, ohne das Kleinreden des Menschlichen, ohne alte Denkmuster, die schon lange keinen mehr erreichen.

08. Das Ende der großen Geschichten war kein Ende

Die Neuzeit begann, als der Mensch feststellte, dass er immer bei sich beginnen müsse. Weil er etwas außerhalb seiner selbst nicht denken kann. Das berühmte "Cogito ergu sum" von Descartes beschreibt diesen Bruch. Der Gotesgedanke kann seit dem nicht mehr vorausgesetzt werden. Also hören wir auf, ihn vorauszusetzen und beginnen doch lieber beim Leben. Das hat Gott selber übrigens auch gemacht.

Die Neuzeit begann mit einem großen Bruch, obwohl dieser Bruch ein Prozess war. Descartes zerstörte mit seinem Ansatz beim Ich des Menschen den bis dahin gültigen Ausgangspunkt der Philosophie, nämlich Gott. Er machte damit jede theologische Bemühung des Mittelalters kaputt. Das tat er in guter Absicht. Er wollte somit den Gottesgedanken retten. Wie auch immer man das bewerten will. Eine Predigt, die hinter dieses Ereignis zurücktritt, ist vielleicht eine gute Predigt für die Menschen im 12. Jahrhundert, aber die meisten modernen Menschen wird man damit abhängen.

Der Bruch, den Descartes anstieß, führte zu der Notwendigkeit des Menschen, sich selber denken und erfinden zu müssen. Mit dem Wohlstand, der in den Jahrhunderten nach Descartes für viele Menschen eintrat, gab es nicht nur die Forderung nach dem Erfüllen dieser Aufgabe, sondern geradezu den Zwang. Menschen müssen selber ihren Weg finden. Auch diejenigen, die in ihrer Fömmigkeit das gerade verneinen, machen es dennoch, auch wenn es ihnen nicht bewusst ist. Das macht einen Teil davon aus, warum viele Menchen mit Christen sich so schwer tun: Die machen sich etwas vor.
Der Mensch ist seine eigene Autorität und geht so an das Leben heran. Immer schon. Das ist keine Sünde, sondern Bedingung des Menschen, die man seit Descartes endlich auf den Punkt gebracht hat. Seit dieser Zeit befindet sich Kirche auf dem Rückzug und ihr Relevanz wird immer kleiner. Was wohl gerade daran liegt, dass sie den Gottesgedanken voraussetzt und zwar verbunden mit einem Autoritätsanspruch, den kein Mensch selber lebt, auch kein Christ. Die meinen es nur manchmal noch so.

Als Kirche ihren Einfluss verlor, ging die Zeit zu Ende, das Leben in nur dieser einen Art und Weise zu deuten. Kirche hat den Verstehensrahmen für die Menschen im Mittelalter geboten, in dem sie sich und ihr Leben einordnen konnten. Es traten neue Ideen und Konzepte für das Leben auf den Markt. Die Philosphen, die Wissenschaften, die Therapeuten bekamen eine Menge Einfluss. Das war ein notwendiger Vorgang.
Die Welt wurde für den gemeinen Menschen immer undurchsichtiger. Weil es so viele Orientierungspunkte im Leben gab, die um Bedeutung buhlten. Wie auch immer, das Ende der einen großen christlichen Geschichte war gekommen. Die Menschen mussten anfangen ihr eigene Geschichte zu entwerfen und zu schreiben. Sie fingen dabei aber immer bei den Vorlagen an, die in der Gesellschaft gegeneinander antraten.

Spannenderweise sind wir meines Erachtens bei diesem Prozess der Zersplitterung und dem Druck, sein eigenes Leben zu entwerfen, inwzischen längst einen Schritt weiter. Denn unter der Hand wurde in der westlichen Welt eine neue Geschichte entworfen. Es ist ein neoliberale Menschenbild, in dem wir unser Leben verorten. Leben muss in die Hand genommen werden, geplant, durchgestylt, der Mensch optimiert sich selber oder zumindest den Ehepartner und die Kinder. Das unternehmerische Selbst ist unser denkerische Fixpunkt, der schon den Schülern beigebracht wird.
Auch in den Kirchen ist das angekommen. Denn die Kirchen, die Menschen anziehen, machen Gottesdienste mit der Überschrift "Visionsonntag" und "Lebe dein bestes Leben" und ähnlichen. Man ist in der neoliberalen Blase mit dem damit verbundenen Menschenbild angekommen, das man ziemlich unreflektiert übernommen hat. Manche Predigerinnen und Prediger etwa sprechen davon, dass man als Christ sich lediglich auf die Siegerseite stellen muss oder dass Jesus am Kreuz für die eigene finanzielle Freiheit gestorben ist. Sie können zwar nicht sagen, wie das geht, sich auf die Siegerseite zu stellen und fordern immer wieder nur das zu machen, und die theologische Begründung für die kreuzbewirkte finanzielle Unabhängigkeit bleibt man schuldig. Das ganze erinnert an Bodo Schäfer, der sich mit diesen Begriffen einen Namen gemacht hat. Manche Kirchen sind auf dem Bodo-Schäfer-Nievau angekommen und versuchen so auf Biegen und Brechen relevant zu sein, anstatt genau das kritisch zu reflektieren und durch die kritische Reflexion hindurch ein differenziertes Menschenbild zu entwickeln.

Spannend ist, dass die Bodo Schäfers dieser Welt die Prediger des modernen Menschenbildes geworden sind. Sie haben ihre Kanzeln, die sie im Land aufstellen, sie haben ihre Anhänger und Zuhörer und verdienen mit diesem Unsinn eine Menge Geld.
Und nun gibt es manche Kirchenteile, die das nachmachen. Aber: Nur weil man Unsinn tauft, wir daraus noch keine Wahrheit. Der Slogan der so tollen 5 Sterne-Redner ist, dass man nicht nur reich, sondern auch glücklich wird. Das ist ihr tiefes Anliegen. Na klar! Kirche, die auf diesem Niveau predigt, erreicht auch Menchen. Aber nicht mit dem Evangelium.

Das Leben ist immer wieder neu zu verstehen. Kirche hat heute etwas zu sagen, wenn sie versteht, dass sie zu den anderen Geschichten, die heute kursieren und erzählt werden, eine wichtige beizutragen hat. Eine, die vor Vereinseitigungen warnt, die ehrlich an das Leben herangeht, die die richtigen Werte in den Mittelpunkt stellt. Eine, die die Menschen ermutigt, ihren eigenen Weg zu gehen.

Kirche sollte ihre Blase verlassen, indem sie den Menschen ein Gegenüber ist, ihr Leben zu reflektieren und das Leben mutig anzupacken.  Kirche muss nicht wieder Länder erobern, um das Denken der Menschen zu beherrschen. Auch die moderne Form des Freisetzens und des Betens um Erweckung ist nicht notwendig. Aber ein Arbeiten an Predigten, die Menschen herausfordern, ehrlich hinzuschauen und das Leben zur Entfaltung zu bringen.

09. Das defizitäre Menschenbild

Kirche hat ein zutiefst defizitäres Menschenild. Dafür gibt es aber keine rechte Begründung mehr. Zeit, dass sich was ändert.

Echt Jetzt?! steht für ein modernes Menschenbild, das dennoch in der Bibel gegründet ist. Die Bibel zeichnet ein Bild vom Menschen, das sehr viel differenzierter ist als das, was zu oft von den Kanzeln verkündet wird. Direkt oder indirekt. Es ist durch die Differenzierung auch näher am Menschen dran als ein stark defizitäres Menschenbild, das durch die dogmengesicherte Erbsünde und der großen Unfähigkeit des Menschen gekennzeichnet ist. 

Jede Blase hat ihr eigenes Menschenbild und Kirche hat eine lange Tradition in Zeichnen von Menschenbildern. Dabei standen aber meistens  die Begründungsversuche der Sündhaftigkeit des Menschen im Vordergrund. Diese Reduzierung des Menschen fällt der Kirche nun auf die Füße. Die klassische Erbsündenlehre ist einer der theologischen Bremsklötze für eine notwendige Weiterentwicklung.

Jede Blase, das muss man auch deutlich sagen, ob es eine psychologische, politische oder eine wirtschaftliche Blase ist, hat ihr Menschenbild, das letztlich auch defizitär ist.
Es wird Zeit, ein Menschenbild zu entwickeln, das den Menschen in seiner Gesamtheit wahrnimmt und nicht vereinseitigt, reduziert und damit verzerrt.

Dieses Menschenbild entwickeln wir kontinuierlich weiter und entdecken so die Bibel neu.

10. Christentum hat / ist eine Botschaft

Es gibt heute euen Unmenge an verwaltungstechnischen, organisatorischen, strategischen Überlegungen, um Kirche wieder relevant zu machen. Das ist alles notwendig. 

Aber das Betonen dieser Notwendigkeiten verhindert manchmal, das wir den Kern des christlichen Glaubens noch genügend wahrnehmen. Das Christentum ist eine Botschaft, die Menschen erreichen soll.

Die Botschaft muss neu gedacht werden. alle Überlegungen in Sachen Organisation, Verwaltung und ähnliches müssen sich diesem Sachverhalt unterordnen. Sonst macht man z.B. Prozesse wie Leibildentwicklung und Visionsdefinition, aber eben lediglich als Methode, ohne konkrete Wirksamkeit.

Das Christentum ist eine Botschaft. Das ist der Ausgangsüpunkt. Alles andere ordnet sich dem unter. Wir sind bei Echt Jetzt?! um die Botschaft, weniger um die Formen bemüht. 

Darum geht es aber eben nicht nur um Sprache. Diese Forderung, dass Kirche wieder relevanter werden würde, wenn man sich um eine neue Sprache bemühen würde, ist richtig und nicht ausreichend. Relevanz wird nicht nur durch Sprache hergestellt. Das ist zu kurz geschossen, wenn es auch einen überaus wichtigen Aspekt betont.
Darum betonen wir die Neuentdeckung der Bibel, das Neuformulieren von Glaubensstandpunkten. Sonst werden wir wohl zum tausendsten male uns um die Form bemühen und hoffen, dass damit Relevanz hergestellt werden kann. Kann sie schon. Aber wesentlich wird das theologische Neuverstehen des Evangeliums sein.

Eine Menge Glaubenden wird dies zu wenig sein. Sie wünschen sich Ortsgemeinden, die authentisch, begeistert und mit Visionen für den Ort Glauben leben. Gemeinde wird dann zum Ort der Hoffnung für die Welt. Es gibt viele ähnliche Begrifflichkeiten, die alle nett sind. Aber vielleicht liegt hier ein Grundproblem von Kirche seit je her. Man hat sich in früheren Zeiten als Heilsanstalt präsentiert. Das war die Legitimation von Kirche und darin lag ihre Relevanz. Als das aber verloren ging, weil die Menchen nach Heil nicht mehr suchten, verschob sich dieses Gefühl und die Selbstvergewisserung, etwas Besonderes, geradezu Übermenschliches zu sein, in solche Formulierungen, wie ich sie kurz angerissen habe.

Das ist alles nicht verkehrt und dennoch falsch. Der Weg, um Kirche wieder relevant zu machen ist, die Botschaft in den Mittelpunkt zu schieben und nicht den Kirchengedanken. Mit dem Kirchengedanken arbeiten oft neue Gemeindegründungsprojekte ganz gut und daran werden sie auch scheitern oder eben den gewohnten Weg aller Organisationen gehen, die irgendwann kein Startup mehr sind.
Menschen heute sehnen sich nicht nach der Liebe, nicht nach heilender Gemeinschaft, und vielem anderen auch nicht. Menschen wollen mit dem Leben klar kommen.
Darum sollte man aufhören, solche Überhöhungen, die werbewirksam auch gut gepusht werden können, aber unglaublich viel Emotionen brauchen, als Ausgangspunkt zu nehmen. Der Ausgangspunkt ist eine herausfordernde Botschaft, die Menschen bestätigt und ihnen manchmal direkt widerspricht. Es ist kein Eiapopaia und keine Heidiwelt, wo alle noch glücklicher miteinander leben werden. Menschen, die ihre Kirche lieben und zwar ganz und vollständig, nd das immer wieder predigen und werbewirksam posten, leben eine emotionale Überforderungsrhetorik. Das muss gar nicht sein. Das erinnert sehr an den BVB und dass man da von echter Liebe spricht. Das ist auch unglaubwürdig.

Kirche ist eine Ansammlung von Menschen, die mit dem Leben klar kommen wollen, indem sie das Leben auf Gott beziehen. Mehr nicht. Weniger aber auch nicht. Es sind keine Heiligen, die sich da versammeln, keine bessere Menschen, keine, die mehr wüssten, keine, die das Leben besser im Griff hätten. Es sind einfach nur Menschen. Kirche wird dann Kirche, die relevant ist, wenn sie sich menschlich zeigen würde und nicht als Heilsanstalt mit geistlichem Mehrwert auf den Weg, um noch glücklicher zu werden.

Um es auf den Punkt zu bringhen. Wir müssen den oft hochgehaltenen Gegensatz von geistlich und menschlich überwinden. Echte Geistlichkeit ist die Wiederentdeckung der Menschlichkeit, ist das ehrliche Anschauen, wer ich bin mit allen Facetten. Es ist nicht das so tun, als hätte ich irgendwem irgendetwas voraus.
Kirche sollte das Leben abbilden und nicht Visionen, Paradiesvorstellungen und überzogene Glückseligkeiten. Kirche sollte das Leben ehrlich beschreiben mit all dem Gelingen und all dem Scheitern. Kirche ist vielleicht einfach nur der Ort, wo wir mal anfangen können, ehrlich zu sein.

11. Dogmen sind immer zeitbedingte Einsichten mit Hang zur Wahrheit

Die Kirchen lieben ihre Dogmen. Das muss so sein und ist gleichzeitig ein Beispiel, wie sie sich selber ein Bein stellt.

Dogmen wurden erfunden, als man noch meinte, die eine letztendgültige Wahrheit finden zu können. Das haben die Philosophen immer wieder probiert und sind gescheitert und das haben dann die christlichen Theologen immer wieder probiert. Und sie sind auch gescheitert. Dumm war nur, als man bestimmte Aussagen dogmatisch fixierte. Für alle Zeiten.

Um es klar zu benennen: Dogmen an sich sind nicht das Problem, sondern ihre Verabsolutierung für die Ewigkeit.

Die Bibel selber ist ein Beispiel für Entwicklungen. Entwicklungen von Vorstellungen. Jesus selber hat die jüdischen Vorstellungen, und damit auch alttestamentliche, durch seine Predigten korrigiert. Was Jesus gemacht hat, war das Entdogmatisieren des dogmatisch gewordenen Glaubens an Gott seiner Zeit. Dabei hat er aber sehr wohl Prinzipien aufgestellt. 

Glaube hat grundlegende Annahmen. Die können auch in Dogmen gegossen werden. Aber Dogmen sind keine zeitlosen Wahrheiten, sondern Ausdruck eines zeitbedingten Verständnisses. Kirche scheitert dann, wenn sie sich selber und ihre Erkenntnis zu wichtig nimmt und als zeitlos begreift. Dazu neigen wir alle. Weil wir Menschen auf der Suche nach der letztendgültigen Wahrheit sind. Und da kommt Jesus und sagt, dass es diese letztendgültige Wahrheit nicht gibt, sondern er als Person die Wahrheit ist. Was lernen wir? Jede Zeit, muss ihre eigene Dogmen, ihre eigenen Begründungen finden.
Es gibt eine Basis. Die ist aber heute meistens etwas verschüttet durch unsere allzudogmatische Herangehensweise an die Bibel. Die Bibel ist durch eine innere Weite gekennzeichnet, grundlegende Wahrheiten immer wieder neu finden und begründen zu können. Sie ist kein Dogmenbuch.

Kirche scheitert dann in einer pluralistisch konzipierten Gesellschaft, in der es das nebeneinander von Wahrheiten geben muss, wenn sie meint, die absolute Wahrheit zu vertreten. Das ist ewiggestrig. Kirche hat im eigentlichen Sinne keine absolute Wahrheit, sondern ist immer in einer Suchbewegung nach Wahrheit.
Wir müssen es lernen, Wahrheiten mit Überzeugung zu vertreten, ohne dogmatisch aufzutreten. Es geht um Verbindlichkeit, ohne abgehoben zu sein.